Sechster Ostersonntag B (1 Joh 4,7-10; Joh 15,9-17)
Vielfältiges Verständnis von Liebe
'Papst Benedikt predigt es, Beate Uhse verkauft es, Fußballfans bewegt es und den deutschen Männern unter den Autobesitzern wird es nachgesagt. Sie alle benutzen dasselbe Wort dafür: Liebe.' (W. Konrad, Barbing)
Liebe zu Gott und den Menschen, Liebe als Sex, Liebe zum Fußball und Liebe zum eigenen Auto. Das Verliebtsein in den Fußball geht soweit, dass sich jemand zu der Aussage verstieg: Meine Religion ist Schalke 04.
Und nicht wenige Autofahrer putzen, hegen und pflegen ihr Auto wie ein Verliebter – nicht selten am Sonntag.
Das Wort „Liebe“ ist inhaltlich nicht mehr so übereinstimmend; es gibt unterschiedliche Meinungen und Empfindungen darüber, was darunter verstanden wird. 'Sollte man bei den Produkten von Beate Uhse nicht besser die Lust ins Spiel bringen, bei den Schlachtenbummlern die Leidenschaft und bei den Autobesitzern den Stolz? Papst Benedikt dürfte als Statthalter Christi prädestiniert sein, weiterhin über die Liebe zu lehren. Denn er vertritt zu allererst Denjenigen, der quasi das Urheberrecht auf dieses Wort hat;' „denn Gott ist die Liebe“, heißt es im Johannesbrief.
Inflationärer Gebrauch entwertet
Abgesehen davon, dass die Liebe so etwas wie ein „Containerbegriff“ (E. Guntli, St. Gallen) geworden ist, da man so ziemlich alles dort unterbringen kann, wird viel zu schnell und viel zu häufig gleich von „Liebe“ gesprochen.
Bei einem Paar gab es nicht mehr Streit als bei anderen. Doch immer, wenn er zu weit gegangen ist und sie verletzt hatte, sagte er hastig: „Ich liebe dich.“ Er fand keine Entschuldigung oder Erklärung, auch keinen Trost, warum er so verletzend war, er sagte dann immer nur: „Ich liebe dich.“ Eine Floskel, die das Wort entwertet!
Vielleicht verrät dieses Beispiel zugleich, dass wir viel zu voreilig gleich an Liebe denken. Es gibt eine Reihe von Stufen, die das andeuten und die dorthin führen: das Interesse füreinander, die Aufmerksamkeit auch in den kleinen täglichen Dingen, der Respekt vor der Andersartigkeit des einzelnen, der achtsame Umgang mit der Freiheit des Mitmenschen, die umsichtige und rücksichtsvolle Sprache in den eigenen vier Wänden …
Was wird nicht alles mit Worten angerichtet, ja sogar vernichtet! Im Buch der Psalmen lesen wir:
„Die Schwerter zwischen ihren Lippen, wer nimmt sie wahr?“ (59,8) und: „Bewahre deine Zunge vor Bösem und deine Lippen vor falscher Rede!“ (34,14)
Liebe ist mehr als ein Gefühl
Liebe erfährt ihren stärksten Ausdruck in der Paarbeziehung. Nach meinem überwiegenden Eindruck aus mehr als 300 Brautpaargesprächen herrscht vielleicht gerade wegen der Nüchternheit des Alltags eine romantische Vorstellung von Liebe vor. Vielfach werden damit schwindelerregende Hochgefühle verbunden. Fernsehbeiträge und Kinofilme prägen und verstärken dieses Lebensgefühl.
Liebe – so manche der Vorstellungen – müsse ständig von Gefühlen aufgeladen sein. ‚Sie ist von Bauchkribbeln, Herzklopfen, feuchten Augen und Händen begleitet‘. Fehlten diese Empfindungen, so sei die Liebe im Abnehmen und bald am Ende. Unbemerkt schleicht sich da eine biologistische Liebesvorstellung ein: bestimmt von Hormon- und Adrenalinausschüttungen.
Eine andere Klippe ist der Anspruch, der andere werde einen glücklich machen: „Du bist mein ein und alles; du machst mich glücklich!“ Hier wird das Selbstwert- und Glücksgefühl kurzerhand in die Hand und das Herz des Partners oder der Partnerin gelegt. Und das bedeutet nichts anders, als dass die Liebesanstrengungen des anderen verantwortlich sind für das eigene Glück!
Korrektur der Liebesvorstellungen
Solche hochgestochenen Erwartungen scheitern notwendig. Kein Mensch kann einem anderen sein komplettes Glück sein. Wer so vom anderen denkt, überfordert ihn oder sie. Eher muss man jedem Menschen verzeihen, dass er einem nicht Gott sein kann.
Jesus korrigiert verkehrte Einbildungen von Liebe:
Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt. Darin finden sich keine Kuschelgefühle, diese Worte klingen ernst, entschieden – frei von Hochgefühlen und Schwüren. Schon ein Kind ist dazu in der Lage, wie folgende Begebenheit zeigt:
Ein Achtjähriger war gerade von schwerer Krankheit genesen, da wurde dessen Schwester genauso krank. Der Arzt befand, nur Blut, das schon Abwehrstoffe gebildet hat, kann das Mädchen noch retten. „Würdest du für deine Schwester dein Blut hergeben?“, fragte der Arzt. Der Bub erschrak und zögerte. Man sah ihm die Angst an. Dann sagte er tapfer: „Doch, Herr Doktor!“ Als die Bluttransfusion beendet war, fragte der Bub stockend und heiser: „Muss ich jetzt sterben?“ (aus: Dietz, Zwei Minuten vor dem Tag, GenVik Fulda, S. 10).
Wir mögen darüber schmunzeln, weil wir wissen, dass eine Blutspende nicht lebensgefährlich ist. Doch anscheinend ging der Junge davon aus. Um so erstaunlicher, dass er sich schließlich entschied, für seine Schwester zu sterben.
Alltagspraxis auf dem Weg zur Liebe
Die vollkommene, reine Liebe ist und kommt von Gott. Schwerlich können die Worte Jesu „Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt“ anders verstanden werden. Gottes Liebe fließt einfach ins Leben für den anderen – er akzeptiert, wie dieser ist. Diese Liebe bleibt einfach bestehen, unabhängig von Gefühlen und heiligen Versprechen.
Wer diese Gottesliebe für sich im Glauben gelten lässt, wird – wenn auch unvollkommen – zu einem Menschen stehen, nicht nur bei Hochzeiten, sondern wo sie besonders nötig ist bei Tief- und Frostzeiten.
Einige Anregungen für die Alltagspraxis finden Sie in der aktuellen Kirchenzeitung. Der Münsterschwarzacher Theologe und Psychotherapeut Wunibald Müller führt kritisch aus: ‚Die Liebe, die verkündet wird, spiegelt sich oft nicht in den Begegnungen mit Bischof und Priester bzw. Laientheologen und vor allem mit Frauen wider.
Man müsse das Selbstwertgefühl der Mitarbeiter/innen stärken, damit sie in verweltlichter Umgebung Misserfolge nicht einfach nur auf ihre Kappe nehmen.‘
„Und auch die Gläubigen können etwas tun: Sie müssen ihre Verwöhntheit ablegen, d. h. nicht mehr so viel fordern, sondern lieber mal etwas ausfallen lassen. So bleiben Seelsorger länger gesund.“
In der Tat, das gilt für alle Lebensbereiche: Dankbar sein den Müttern gegenüber für die vielen vermeintlichen selbstverständlichen Handreichungen! Stop mit dem Anspruch, alles müsse immer perfekt funktionieren! Allein im Straßenverkehr gibt es unglaublich viele Gelegenheiten, liebenswürdig zu handeln!
Wenn wir das beherzigen, sind wir alle gut unterwegs auf dem Weg zur Liebe!
Geistl. Rat Helmut Fried